HEIKO HÖCKER (Peggy Franke)
Pressetext: Angekommen - von Heiko Höcker und Co Autorin Peggy Franke
Wirft man einen ersten, oberflächlich kategorisierenden Blick auf dieses Buch, könnte man sagen: Als gäbe es nicht schon mehr als genug autobiographische Romane, die aus ganz persönlicher Sicht die deutsch-deutsche Vergangenheit aufarbeiten, erscheint mit "Angekommen - Zwischen Panik, Liebe und Rebellion" nun noch einer von dieser Sorte. Aber schon beim zweiten Blick wird deutlich: So richtig will er nicht in diese Schublade passen, allein schon deshalb, weil eine CD beigelegt ist - der "Soundtrack des Lebens" von Autor Heiko Höcker, und der Inhalt: Udo-Lindenberg-Songs, deren Texte sich durch die ganze Geschichte ziehen - nicht wie ein roter Faden, vielmehr wie ein starkes Seil, an dem sich die Hauptfigur Konstantin immer wieder selbst nach oben zieht.
Musik als Überlebenshilfe, aber in einem Kontext, der diese Hilfe ablehnt: Ein System, das den Udo-Lindenberg-Fan von der Stasi überwachen lässt und ihn aufgrund seiner Leidenschaft als Staatsfeind und gefährliches Subjekt einstuft. "Angekommen" ist mehr als eine niedergeschriebene Lebensgeschichte.
Es will um jeden Preis die Botschaft weitergeben, die der Autor im Vorwort aus einem Keimzeit-Song zitiert: "Unten ist noch lange nicht unten und oben ist noch lange nicht Gott!" - und diesen unbändigen Willen spürt der Leser in jeder Zeile. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene in diesem Roman, in dem der Autor sein Innerstes ohne Scheu, ohne Scham nach au§en stülpt und es gerade deshalb so echt und hautnah für jeden erfahrbar macht: Die Macht der Liebe. Dass ein Mensch, der liebt und geliebt wird, ungeahnte Kräfte freisetzen kann, mit denen er sich bis über die eigenen Grenzen hinaus entwickelt - bis zu dem Punkt, wo nach jahrzehntelangem Balancieren am Rande des Abgrunds ein "Ankommen" möglich wird.
Jede dieser drei Ebenen wäre es wert, in einer eigenen Geschichte erzählt zu werden: Die Rebellion eines Jungen, der in der DDR aufwächst und sich gegen seine eigene Zerstörung aufbäumt - die mit dem Begriff "Panik" umschriebene Musikleidenschaft, die ihm ein Rettungsanker ist, seinen Lebenswillen stärkt und ihm hilft, Visionen zu entwickeln - und schließlich die völlig ausweglos scheinende Suche nach Liebe, die ihn ein halbes Leben lang im Spannungsfeld zwischen Hoffnung, Sehnsucht und Verzweiflung gefangen hält, dann aber doch - in der Gegenwart angekommen - ein glückliches Ende verspricht. Und fragt man Heiko Höcker, warum dieses Buch erscheinen soll, schimmert noch mehr durch - eine Warnung: "Wenn Eltern ein Kind in die Welt setzen, haben sie Verantwortung auf Lebenszeit. Was mir widerfahren ist, kann ein Kind zerstören."
Dass er trotzdem überlebt hat, wieder und wieder, lag an einem Mann, den er persönlich gar nicht kannte: Udo Lindenberg. Der sang Zeilen wie "... und dann packt er alle Energien, die er hat, in den Kopf und verlässt diese Abtörnstadt - es wird zwar hart, doch er weiß: Er kriegt's hin!" Viele der Lindenberg-Protagonisten denken quer und wagen den Befreiungsschlag, was den Autor nicht nur inspiriert, sondern auch aufgefangen hat in seiner Einsamkeit: "Da in meinem Elternhaus die Vermittlung von Werten rar war, übernahm Udo mit seinem Gesang, seinen Texten und seiner Musik so eine Art Vaterrolle für mich. Ich fühlte mich ihm sehr nah und verstanden und hatte ständig durch die Songs Kontakt - es war so, als ob er mit mir spricht. Ich wurde von ihm aufgeklärt und bekam Werte vermittelt über Freundschaft und Liebe, Krieg, Not und Leid. Ich begann noch mehr über die Welt nachzudenken. Und er bestärkte mich darin, dass es nur auf mich selber ankommt und sonst niemanden, was aus meinem Leben wird."
Und tatsächlich - wenn man dieses Buch liest, sind die Parallelen zwischen Konstantins Leben und der Lindenberg-Philosophie kaum zu übersehen: Die Liebe, in zahlreichen Balladen und Rocksongs besungen, ist von einem rastlosen Cowboy-Image geprägt, es gibt "immer nur Dramen mit den Damen" - und das schmerzvollste, schlimmste Unglück ist unweigerlich damit verbunden. In dieser tiefen Verbindung zu dem persönlichen Erleben des Protagonisten blitzt eine poetische Dimension auf, die autobiographische Romane oftmals vermissen lassen. Und gleichzeitig ist es von einer Klarheit, die Trost spendet und ganz authentisch ein Ziel verfolgt:
"Das Buch soll helfen, dass Eltern über ihre Verantwortung und die Zerbrechlichkeit ihrer Kinder nachdenken. Es soll im späteren Leben helfen, wenn eine Beziehung zu Ende ist und man gehen will, gehen lassen muss oder gehen gelassen werden sollte. Es soll helfen, zu akzeptieren, dass eine radikale, absolute Liebe den siebten Himmel bedeuten kann, aber auch den Tod. Und dass Liebe dennoch über alles siegt, stark macht, rettet und einen dann neu auf der Welt erscheinen lässt. Weise und erfahren ist man dann und mit einigen neuen Fehlern. Und die Reise geht immer weiter...!" (Heiko Höcker)
von Sonja Schwabe